Vorwort


Der Mensch ist aus der Biosphäre über den Zweig der Hominiden hervorgegangen. Er bildet aber nicht einen Ast oder Zweig dieser vielverzweigten Biosphäre, sondern ist eine eigene Sphäre, die Noosphäre (Teilhard de Chardin 1961). So wie die Biosphäre (die Sphäre der belebten Natur) die Lithosphäre (die Sphäre der unbelebten Natur) überlagert, überlagert die Noosphäre (die Sphäre des Geistes) die Biosphäre (noos = Geist). Ungleich der Biosphäre, die sich in vielfache und unabhängige Äste und Zweige aufteilt, welche nicht mehr miteinander in Verbindung treten können, bildet der Mensch in der Noosphäre nur einen Stamm. Anders als die Äste der Biosphäre können alle Menschen sich miteinander verständigen und Kinder gebären, ob sie in der Arktis oder am Äquator beheimatet sind, im Osten oder Westen, 1 000 Jahre oder 10 000 Jahre getrennt wohnen (Johann Gottfried Herder, L. L. Cavalli-Sforza).

Zum Unterschied der unbelebten Natur, der Lithosphäre, die allein von physikalischen und chemischen Prozessen abhängt, werden Lebewesen, die Biosphäre, zusätzlich von genetischen Faktoren gesteuert. Dabei ist die Verwandtschaft der einzelnen Mitglieder der Biosphäre einschließlich der Noosphäre sehr eng. Die Gene aller Lebewesen sind aus den selben vier Nukleotiden zusammengesetzt. Jeweils drei dieser Nukleotide zusammen in unterschiedlicher Reihenfolge bilden den genetischen Code für die Aminosäurensequenz der Proteine. 40 Prozent unserer Gene sind in der Bierhefe wiederzuerkennen, bis zu 60 Prozent sind bei Fadenwürmern und Taufliegen zu finden, 90 Prozent bei der Maus und bis zu 98 Prozent bei Affen. Alle Menschen unterscheiden sich dagegen nur in 0,1 Prozent der Gene (Kathryn Brown). Die Anzahl der Gene bewegen sich bei Pflanzen, Tieren und Menschen in der gleichen Größenordnung. So hat der Mensch etwa gleichviel Gene wie die Pflanzen und nur dreimal soviel Gene wie Würmer oder Fliegen.

Nicht die Gene unterscheiden den Menschen von den Tieren und Pflanzen, diese hat er zum großen Teil mit ihnen gemeinsam. Die Seele ist es, die den Menschen zu dem macht, was er ist. Aus dem Tierreich hervorgegangen, hat Gott den Menschen zur Krönung der Schöpfung gemacht. Menschen leben, wie die Tiere und Pflanzen, in der Natur. Im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen schaffen Menschen aber Kultur. Den Gütern der Seele stehen entsprechende Eigenschaften des Körpers und der Sinne zur Verfügung, damit die Seele in der Gegenwart wirken kann um die Zukunft zu gestalten.

Der Mensch ist nicht nur mit der Biosphäre eng verbunden. Der Körper des Menschen steht mit der ganzen Natur in einem steten Austausch. Das Kalzium des Felsens wird zum Beispiel  durch Wasser als Salz aus diesem herausgelaugt und beim Trinken vom Menschen aufgenommen um in seinem Körper in den Knochen eingebaut zu werden. Nach einiger Zeit werden die Kalziumatome durch andere ausgetauscht und gelangen über die Ausscheidung zurück zur Natur, wo sie von einem Grashalm für seine Festigkeit genutzt wird. Ein Vogel frisst den Grashalm und verwendet die gleichen Kalziumatome, um seine Flugmuskeln für den Flug in der Luft gebrauchen zu können. Nach seinem Tod verwest der Vogel, das Kalzium gelangt ins Wasser, aus dem es sich wieder zum Felsen ablagert. Ein ähnlicher Kreislauf gilt für alle anderen Atome. Der Körper ist nicht statisch, sondern unterliegt dynamischem Werden und Vergehen. Die „Steuerung“ dafür liefern die Sinne und das „Programm“ die Gene. Die Sinne sind wiederum durch äußere (zum Beispiel Krankheit) oder innere (zum Beispiel Erfahrung) Einflüsse veränderbar.

Aristoteles unterschied bei Lebewesen letztendlich drei „Lebensvermögen“: Die Ernährung, das Empfinden und die Denkkraft (Über die Seele). Die Ernährung ordnet er den Pflanzen als Vermögen zu, das man als vegetatives Lebensvermögen bezeichnen kann. Die Tiere besitzen zusätzlich zu diesem vegetativen Lebensvermögen Empfindungen, die man als animalisches Lebensvermögen bezeichnen kann. Der Mensch aber besitzt als einziger Denkkraft, das rationale Lebensvermögen. Ausgehend von dieser Betrachtungsweise besitzt der Mensch also etwas, das sonst keinem Lebewesen eigen ist und schon gar nicht in der unbelebten Natur vorkommt. Durch dieses rationale Lebensvermögen hat der Mensch Geist, Phantasie, Urteil und so weiter. Was der Mensch aber allen anderen irdischen Wesen voraus hat, das nennen wir Seele
, durch die wir Bewusstsein haben. Die Seele ist Herr unseres Bewusstseins..

Denkt man über die Seele nach, kommen einem vier Fragen in den Sinn: Was ist die Seele? Wo ist die Seele? Woher kommt sie? Wohin geht sie? Diese Fragen sind sicher schon so alt wie die Menschheit. Da wir sie aber anscheinend nicht endgültig beantworten können, werden sie immer wieder gestellt (trotz oder wegen unseres sokratischen Wissens, dass wir im Grunde darüber nichts wissen)

Was ist die Seele